Im Takt der Lagune: Das Tagebuch der 50. Jubiläums-Vogalonga 2026

Mittwoch, 20. Mai: Massarbeit auf Rädern – Meeresbrise und „authentische“ T-Shirts

Das Abenteuer Vogalonga 2026 begann frühmorgens vor dem Clubhaus des RCB. Um 6 Uhr traf sich das Bootstransports-Team bei Nieselregen unter dem Vordach des RCB Clubhauses. Der Bootsanhänger stand bereit, um angehängt zu werden. Aus der Morgendämmerung trat ein von AMAG ausgeliehener, komfortabler VW-Bus in Erscheinung, gesteuert von unserem routinierten Chauffeur Markus Kaufmann. Das Beladen des Anhängers am Vorabend forderte Präzisionsarbeit: Fünf Gig-Boote mussten sicher verstaut werden – eine Parallelleistung zur Regatta Cham, wo zeitgleich stolze 16 Boote im Einsatz waren.

Nach einer reibungslosen Bootstransportfahrt in den Süden erreichten wir nach ca. 10 Stunden unser Ziel. Freundlich wurden wir im Club Canottieri in Lignano (CCL) persönlich vom Präsidenten Roberto und seinem Kollegen Gigi willkommen geheissen. Speditiv wurde der Bootsanhänger entladen, die Boote gemäss Anweisungen des Präsidenten auf dem Vorplatz des CCL für den darauffolgenden ersten Rudertag bereitgestellt. Danach bezogen wir unser Quartier ganz in der Nähe, im sehr gepflegten Hotel Centrale in Lignano Sabbiadoro. Zwischenzeitlich sind auch die restlichen Teilnehmenden per Auto, Zug oder Flugzeug eingetroffen. Das Team „Hochschulachter“ (5. Boot) wurde auf Samstag zur Vogalonga erwartet.

Am Abend versammelte uns Giu zum Aperitivo mit einem Briefing für die erste Ausfahrt durch für die Lagune von Marano und Informationen über das Programm der bevorstehenden Tage. Die Teilnehmenden wurden von den Experten auf die Boote zugeteilt. Auch die eigens für die Jubiläums-Vogalonga gestalteten, druckfrischen Rudershirts im Spezial-Design und im typischen RCB rot-weiss-schwarz wurden mit Stolz verteilt.. Die Vorfreude auf die kommenden Rudertage war in der Gruppe spürbar, bei den Vogalonga Routiniers wie auch den „Rookies“. Das anschliessende Abendessen im stimmungsvollen Ristorante La Luna war vom Feinsten. Selbstverständlich hat auch der passende Wein nicht gefehlt. Genügend Schlaf war ratsam, es standen uns die nächsten Tage frühes Aufstehen und rund 140 Ruderkilometer bevor.

Donnerstag 21. Mai: Orientierungskunst – die Fischerhütte und 105 Dezibel

Aufriggern und Einwassern am ersten Tag funktionierten reibungslos und bald lagen alle 4 Boote startbereit auf dem ruhigen Wasser. Es herrschte Ebbe. Daher war es wichtig, präzise entlang den durch die typischen Briccole (Dalben) gekennzeichneten Canali zu navigieren. Für uns Limmatruderer eine neue Erfahrung. Die Routenwahl der ersten Hälfte sorgte in den Booten für einige Lacher. Zwischen engen Canali und den charakteristischen hölzernen Dalben suchten wir unseren Weg. Dass die Verzweigungen beschildert waren mit der groben Richtung wie „Venezia, Trieste, Lignano“ etc., half zu wissen, dass man sich auf dem richtigen Weg befindet. Doch der zuverlässigste Richtungsgeber war Steuermann Markus, der fachmännisch mit der Navigations-App umzugehen wusste. 

Das Wasser war sehr ruhig, die Motorbootfahrer tuckerten rücksichtsvoll und freundlich an uns vorbei. Die Route traumhaft schön. An den Casoni di Marano vorbei (Casoni sind historische Fischerhütten, eine jahrhundertealte Kultur in Friaul und Venetien), ruderten wir dem Steg des „ai Ciodi“ entgegen. Aufgrund des tiefen Wasserstandes verlangte die Landung den Crews höchste Konzentration ab. Danach genossen wir bei sommerlichen Temperaturen den wohlverdienten Pranzo – feinste Spaghetti Vongole oder Aglio Olio e Peperoncino. Nach einer kleinen Siesta verliessen wir die Insel und machten uns bei „alta marea“, also bei Flut und Wellengang, auf die noch 15 km lange Rückfahrt.

Freitag, 22. Mai: Königsetappe – Lungolaguna Lignano – Flussromantik auf dem Canale Bevazzana und Fluss Tagliamento mit Zusatzschlaufe

Der Tag stand ganz im Zeichen der „Königsetappe“. Auf dem Programm: Eine ausgedehnte Flussfahrt durch den Canale Bevazzana und den Tagliamento. Die Teams wurden neu zusammengestellt: André sorgte für Abwechslung und führte ab diesem Morgen jeweils eine Verlosung der Bootszuteilung durch. So hatten wir, mit Ausnahme der Vogalonga, täglich neue, immer gut funktionierende Crews.

Die Flusslandschaft war malerisch schön. Schmale Passagen wechselten sich mit Brücken, Schleusen, Schilfuferlandschaft ab. Nachdem einige Crews nicht genug vom Rudern bekamen und ein paar sportliche Zusatzkilometer auf dem Tagliamento Fluss sammelten, trafen sich alle zu einem feinen Zmittag im „Alla Vecchia Finanza“ direkt am Strand beim Flussdelta. Die Rückfahrt verlief ruhig und gediegen, zog sich jedoch durch einen riesigen Umwegskreis zwischen den Dalben in die Länge. Es dauerte, bis wir endlich den Heimathafen der CCL erreichten. Direkt nach dem Anlegen hiess es: Boote abriggern und für den Transport nach Treporti verladen.

Samstag, 23. Mai: Das Nadelöhr Treporti und Einzug in die Lagunenstadt

Früh morgens verschoben wir uns mit Autos und Bootsanhänger auf das Gelände der Canottieri von Treporti, unsere Basisstation für die Überfahrt, entlang der Küste von Cavallino zur Isola della Certosa in Venedig. Wir wurden von Giuseppe, dem Präsidenten des Ruderclub Canottieri Treporti, herzlich empfangen. Die Vogalonga-Hektik hatte die Region längst erfasst, die Platzverhältnisse waren extrem eng. Giu‘s Sprachgewandtheit und sein Verhandlungstalent mit Charme haben uns verholfen, das Gelände der Canottieri, inklusive idealer Infrastruktur, exklusiv für den RCB nutzen zu dürfen.

Die Überfahrt nach Venedig forderte uns alles ab: Hoher Wellengang setzte den Booten zu. Auch schützte im Extremfall die beste Steuertechnik nicht vor Überflutung. Die Crew in der „Patella“ sass vor Burano hüftdeckend in den Fluten und bewältigte den kritischen Moment mit voller Kraft an der Pumpe und den Schöpfkellen. Schliesslich erreichten wir den sicheren Hafen der Isola della Certosaund landeten alle wohlauf an den Bootsstegen am Canale di Giudecca. Die Boote wurden auf dem Steg final für den grossen Renntag vorbereitet – die Vorfreude stieg spürbar. Nach der einstündigen Fahrt mit dem öffentlichen Vaporetto durch den Canale die Giudecca, galten unsere zufriedenen Blicke der wundervollen Stadtsilhouette Venedigs. Wunderschöne Gebäude und Monumente in unverwechselbarer venezianischer Architektur, rund um die imposante Piazza San Marco.

Danach bezogen wir unsere komfortablen Zimmer im modernen Hotel B&B auf der künstlich angelegten „Logistik- und Service-Insel“ Tronchetto. Schon bald trafen wir uns zum Welcomedrink in der Rooftop-Bar, wo wir bei einem ausgiebigen Aperitivo die in Treporti dazu gestossene Crew des „Hochschulachters“ begrüssen durften. Das gemeinsame Abendessen im ortstypischen Ristorante il Gatoleto, gelegen in den verwinkelten, sich von den Tagestouristen entleerten, Gassen von Venedig, stimmte uns perfekt auf die kurz bevorstehende 50. Vogalonga ein.

Pfingstsonntag, 24. Mai: Der Höhepunkt – 50. Jubiläums-Vogalonga – der Tag der Tage!

Die Vogalonga 2026 war die besondere 50. Jubiläumsausgabe der berühmten, nicht wettbewerbsorientierten, Ruderveranstaltung in der Lagune von Venedig. Herzstück der Veranstaltung, die erstmals 1975 ausgetragen wurde, ist die Förderung der venezianischen Rudertradition und der Einsatz gegen den zerstörerischen Wellenschlag der Motorboote (moto ondoso). Bei der diesjährigen Ausgabe ruderten über 11‘000 Teilnehmende in mehr als 2.200 Booten durch die Kanäle.

Die Route startete vor dem Markusplatz, führte vorbei an den Inseln Vignole, Sant’Erasmo, Mazzorbo und Burano, dann durch den Rio di Cannaregio in den beeindruckenden Canale Grande und endete schliesslich wieder in San Marco.

An diesem Pfingstsonntag brauchte es vor lauter Aufregung kaum einen Wecker für das frühe Aufstehen. Um 6 Uhr war Frühstück angesagt. Eine zu frühe Frühstückszeit für die Hotelorganisation. Doch Giu hatte einmal mehr an alles gedacht: wir erhielten die, von seinen beiden Nichten Cinzia und Federica liebevoll zubereiteten Frühstückssäckli, sowie einen nahrhaften Lunchbag. Eine perfekte, gut stärkende Mahlzeit für den 38 Kilometer langen Ruderweg. So liebevoll ausgewählt und verziert mit Herzli und Geschenkbändeli, das hätte kein Fünfsternehotel so hinbekommen!

Pünktlich erreichten wir das Vaporetto nach Certosa, sodass wir noch genügend Zeit hatten unsere Boote startklar zu machen. Nun waren also 5 Boote unter RCB- bzw. Schweizerflagge und im authentischem Vogalonga-RCB-Tenue unterwegs zum Start der grossen Jubiläums-Vogalonga. Pünktlich um 9 Uhr ertönte im Becken von San Marco der Kanonenböller. Gemeinsam mit weiteren 2‘195 Ruderbooten aus Venedig und Ruderbegeisterten aus aller Welt tauchten wir ein in das motorbootfreie Venedig. Lauter begeisterte Teilnehmende: Stolze Venezianer:innen und Gäste aus aller Welt auf ihren traditionellen Booten, Gigruderbooten (vom 2er bis zum 8er), Drachenbooten, Kanus, Kajaks bis hin zu Einzelkämpfenden auf deren SUPs. Der 30 Kilometer lange Rundkurs in der Lagune von Venedig forderte wahrhaftig Durchhaltevermögen. Der emotionale Höhepunkt war einmal mehr die Ein- und Durchfahrt in den Canale di Cannaregio sowie durch den Canale Grande. Eine für normaldenkende Ruderer unvorstellbare Situation: die Einfahrt in den Canale, ein Engpass, der bei solch dichtem Bootsgedränge, nur unter vorgelagerter Beobachtung und Einweisung der Carabinieri und der Einsortierung der Boote, durch bereitstehende Taucher mit Schutzhelmen im Wasser stehend, bewältigt werden kann. Und dann ein weiteres unbeschreibliches Szenario, das in unseren Köpfen hängenbleiben wird: ein begeistert zujubelndes Publikum an den Stegen des Canale di Cannaregio und die Kulisse am Canale Grande unter dem Applaus der Zuschauermassen, auch von der altehrwürdigen Rialtobrücke herunter.

Gezeichnet von der körperlichen Anstrengung und den Emotionen dieses eindrücklichen Rudererlebnisses, mit vielen Blasen an den Händen aber überglücklich, feierten wir das Passieren an der Vogalonga OK-Tribüne, von wo uns die Organisatoren die verdiente Jubiläumsmedaille und ein Diplom zuwarfen.

Nach Beendigung der Vogalonga wurden die Lagunen um Venedig dann auch wieder für den ruderfeindlichen, motorisierten Bootsverkehr geöffnet. Also nicht gerade ideale Bedingungen für die bevorstehende Überquerung des Hauptkanals von Guidecca für die Rückkehr nach Certosa. Die „Earlybirds“ in der Vittoriosa unter dem Kommando des erfahrenen Cox André hatten keinerlei Probleme mit dem Wellengang. Wir im „Rüeblisaft“ befolgten einen Geheimtipp, durch das ruhige Arsenale zu rudern. Das Boot unserer jüngsten Truppe vom Hochschulachter kam jedoch nicht mehr um die wilden Wogen herum. Sie wehrten sich mit Ausweichen und Schöpfen mit vollen Kräften gegen den Untergang. Weitere Hektik brach aus wegen einer Szene der seltenen Art: ein ausgewachsener Fisch – wahrscheinlich ein Branzino (Wolfsbarsch), im bestens essbaren Format, schaffte es mit einem kräftigen Sprung über das Waschbord und die Beine von Lea hinweg ins Boot hinein. Bei der Fang- und Freilassaktion hat der Fisch einige Schuppen im Boot hinterlassen. 

Die Vogalonga verlangte uns allen alles ab, sieben bis acht Stunden, rudernd oder nicht rudernd im stop and go Verkehr im Boot zu sitzen, das war anspruchsvoll. Glücklich über das Erreichte und das Erlebnis, wasserten wir nach dem Anlegen die Boote aus, und hatten uns danach viel zu erzählen.

Pfingstmontag, 25 Mai: Schwere Arme, Danke und Rooftop-Ausklang

Der Tag danach begann mit schweren Armen. Rudern zurück nach Treporti verlief in deutlich ruhigerem Gewässer als an den Vortagen. Dort angekommen folgte die Routine: Boote abriggern, gründlich reinigen und transportsicher für die lange Heimreise aufladen.

Der letzte Abend stand im Zeichen des Dankes an den Organisator Giu und an dessen ganze Familie, ohne deren unglaublich grossen Einsatz diese Reise nicht möglich gewesen wäre. Christoph bedankte sich im Namen aller Teilnehmenden mit lobenden Worten bei Giu für die perfekte Organisation.

Bei einer letzten gemeinsamen Cena im Rooftop Restaurant, liessen wir es uns nochmals gut gehen, schwärmten von der Magie der Vogalonga und haben die Highlights der vergangenen Tage Revue passieren lassen.

Text: Carlo Ruffini
Bilder: Vogalonga-Teilnehmende